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Implantate


Implantation bedeutet in der Medizin die Einpflanzung von biologischem Material oder chemischen Substanzen in den Organismus.
Um den Akt der Einpflanzung und Einnistung geht es auch in dem Projekt von Alke Reeh, allerdings findet dieser Vorgang in zwei spiegelbildlichen Tauschmanövern statt. Während in einen lebendigen Körper lebloses Material eingefügt wird, wird umgekehrt in eine tote Materie natürliche Substanz verpflanzt. Genau genommen implantiert die Künstlerin einerseits in der aufgebrochnen Erdkruste einer Rasenfläche die von ihr verschalten Betongüsse, und andererseits verpflanzt sie in einen vom Pflaster versiegelten Parkplatz ringförmige Rasenstücke. Diesem bipolaren Verfahren entspricht die komplementäre Gestaltung des „Nistmaterials“. Während der leblose Beton in eine präzise Form gezwungen wird und in dieser verharrt, entzieht sich die wuchernde Natur endgültiger Formbarkeit. In Widerspruch dazu aber ummantelt der erstarrte Beton die herausgeschnittene Form, eben eine Negativform oder besser die Abwesenheit von Form als Positivform gezügelte Materialität. Die so in Kontrast gesetzte Fremdheit von Implantat und Pflanzort verursacht Irritation und wirft die Frage auf, warum gerade dieser banale Ort solcherart herausgehoben wird. Das Markieren, Umkreisen und Ankreuzen dieser Orte bedeutet allerdings mehr als ein spielerisches Tauschgeschäft. Es handelt sich hier im Sinne von Umberto Eco um ein offenes Kunstwerk, das dem Betrachter eine in sich widersprüchliche Selbstwahrnehmung eröffnet. Durch seine endlose Verwachsungs- und Abstoßungsprozesse von natürlichem und künstlichem Material verweigert sich das Kunstwerk endgültiger Definierbarkeit. Es wird zum Zeichen und gewinnt Verweischarakter. Die Implantation aber macht Unorte zu Orten von Bedeutung. Scheinbar Banales fordert auf, nach Sinn zu fragen, wird zum Sinnstifter. Es verweist auf etwas Anderes, Nebenliegendes, Abwesendes.

Dr. Bettina Baumgärtel

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