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Gefalteter Raum

 

Das Sichtbare und das Lesbare, das Äußere und
das Innere, die Fassade und das Zimmer sind
gleichwohl zwei Welten, denn das Sichtbare
hat seine Lektüre und das Lesbare sein Theater.
GILLES DELEUZE: Die Falte, 1988


In seinem philosophischen Werk Die Falt
e qualifiziert Gilles Deleuze den gefalteten Raum als Charakteristikum des Barock. In Skulptur, Architektur, Malerei und der Mode dieser Zeit sieht er ein neues Verhältnis zu den traditionellen Kategorien und Wahrnehmungsprinzipien der klassischen Sehordnung begründet - zum Beispiel Vertikal und Horizontal, Innen und Außen, Figur und Grund. "Der Barock entwirft sich allerdings nicht nur in seiner eigenen Mode. Er projiziert zu allen Zeiten und überall die tausend Falten der Kleidung, die dahin tendieren, ihre jeweiligen Träger zu vereinigen, deren Haltungen zu entgrenzen und aus ihren Köpfen Schwimmer zu machen."
Mit ihrer Arbeit Röcke und Schnittmuster (2001 - 03) thematisiert Alke Reeh ein ähnliches Denken von Skulptur und Raum, von Innen und Außen. Formal bezieht sie sich auf das Schnittmuster des menschlichen Körpers, dessen Konturen, Wölbungen und Faltungen den Gipsskulpturen zu Grunde gelegt sind. Sie erinnern an Vasen oder antike Gefäße, doch sie lassen sich trotz einer textilen Metapher wie Röcke nicht als Gewand oder Gewebe be-greifen, denn sie sind starr und lassen sich nicht ent-falten. Mit einer Vorrichtung sind die hüfthohen, unbehandelten Skulpturen wenige Zentimeter über den Boden gehoben, was ihnen Leichtigkeit und den Eindruck des Schwebens verleiht. Sieht man von oben in die Röcke hinein, so blickt man in eine andere Welt, die mehr als die Innenseite einer Außenseite ist. Wie bei einem Möbiusband sind Innen und Außen nicht einfach zwei Seiten derselben Sache, sondern es besteht ein kontinuierlicher Zusammenhang. Alke Reeh zeigt diese Arbeiten im räumlichen Kontext mit Fotografien. Montierte, mit dem Computer bearbeitete Bilder, auf denen Frauen die Röcke tragen und außerdem quadratische Formate, die den Blick hinauf in Kirchenkuppeln und Moscheen oder von oben in eine leere Tasse richten. Damit setzt eine Reihe von Behauptungen ein, die im Werk der Künstlerin leitmotivischen Charakter haben, denn sie konstruiert oft Leerräume, die sich mit Behauptungen füllen lassen. Im Falle Röcke und Schnittmuster lautet diese: Die Skulptur ist ein Rock, man wird ihn wohl anziehen können; der Blick in die Kuppel, in der Sonnenlicht sich bricht und den Eindruck eines unstofflichen Gewebes erzeugt, ist wie der Rock - oder der Blick unter ihn.
Die Skulpturen und die Fotos ihrer fiktiven Benutzer behaupten eine enge Verbindung zu Kleidung und Bekleidetem, von eingeschlossenem und ausgeschlossenem Raum. Für die Serie Gleichzeitigkeit (1998 - 2001) fotografierte Alke Reeh Menschen unterschiedlichen Alters und sozialer Herkunft in einem Zimmer, das sie bewohnen. Auch hier spielte das Verhältnis von Personen und Räumen, in dem die abstrakte Frage nach dem Verhältnis von Figur und Grund enthalten ist, eine zentrale Rolle.
Während diese Fotos von der Poesie getragen werden, die der Betrachter zwischen den Menschen und den gezeigten Gegenständen (eine Geige, ein Tisch, eine Spielzeugkiste, ein Bett) installiert, ist das Arbeitsprinzip bei Röcke und Schnittmuster die Reduktion. Wie viel ist nötig und wie wenig ist möglich, damit der Eindruck eines Kleides oder einer ganzen menschlichen Figur noch aufscheint? Die Skulpturen wirken zwar sachlich, reduziert und kühl, doch sie lösen opulente Bilder aus: eine Ballnacht im Sommer, abgelegte Petticoats, eine teilweise unsichtbare Tanzgesellschaft. Die Außenhaut der Arbeiten erinnert an die Falten, die entstehen, wenn ein Pullover bis zum Ellenbogen hochgeschoben wird oder an rutschende, schlecht sitzende Strumpfhosen, von denen sich nur schwierig sagen lässt wo die Innen- oder Außenseite ist.

Markus Lepper, Neuer Kunstverein Gießen

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Röcke und Schnittmuster