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Gebaute Textilien

Alke Reehs subtile Kunst der Formanalogie

 

Ähnlichkeiten und Differenzen zu beobachten, beruht auf einem „Sinn fürs Gleichartige“, der nach Walter Benjamins schöner Formulierung durch die Fotografie geschärft wurde. Das Nebeneinanderstellen von Fotos, auch wenn sie an weit entfernt voneinander liegenden Orten entstanden, lässt eine sonst übersehene Ähnlichkeit von Formen und Strukturen in den Blick treten. Um 1900 entstand eine zunehmende Zahl an Bildatlanten, die ihre Faszination aus solchen Vergleichen zogen. Ein berühmtes Beispiel sind die strengen Schwarzweißaufnahmen in Karl Blossfeldts Bildband „Urformen der Kunst“ (1905-1925), welche die unterschiedlichsten, einander gegenübergestellten Pflanzenformen wie präzise geformte Ornamente oder Architekturen erscheinen lassen.
Auch wenn sie gewiss nicht auf der Suche nach universellen Urformen ist, beruht die Kunst von Alke Reeh auf einer ähnlichen Beobachtungsgabe, die insofern vom fotografischen Sehen geprägt ist, als sie wesentlich auf der analytischen und assoziativen Analogie von Formen beruht. Diese werden jenseits ihrer Herkunft und ihres ursprünglichen Maßstabes vergleichend gegenübergestellt oder ihr Vergleich ist assoziativ nahegelegt.
Architektonische Elemente etwa, denen Alke Reehs besonderes Interesse gilt, werden von ihr so fotografiert, dass die visuelle Form selbst ganz ungewohnte Bezüge ergibt. So erscheint die Kuppel einer russischen orthodoxen Kirche, aus ihrem Maßstab herausgelöst, wie die runde Form einer Tasse.
Immer wieder untersucht die Künstlerin das Verhältnis von Innen und Außen, so in der Foto- bzw. Collagenserie „Einblick – Ausblick“. So hat sie Ornamente, die aus Antwerpener Spitze gewebt sind, eingescannt und über fotografierte Motive gelegt, so dass der Stoff wie ein semitransparentes rechteckiges Fenster erscheint, welches das Dahinterliegende nur schemenhaft erkennen lässt.
Die hier zugrundeliegende Auffassung von Architektur als Membran zwischen Innen und Außen entspricht ihrer systemtheoretischen Bestimmung, die Dirk Baecker vorgenommen hat: "Wie auch immer Architektur entworfen, dargestellt, benutzt und bewohnt werden mag, man weiß nur, daß es sich um Architektur handelt, wenn man hineingehen und hinauskommen kann und wenn sich bei diesem Hineingehen-und-wieder-hinauskommen-Können die Verhältnisse ändern, das heißt drinnen anderes geschieht und erwartet werden kann als draußen." So kann "Architektur selbst als Differenz von Innen und Außen gedacht werden".

Dieser Definition entsprechen auch andere Bilder der Serie „Einblick – Ausblick “, bei denen die „Durchblicke“ nicht rechteckig sind, sondern miteinander verbundene, runde Ornamentformen, die an Rosetten erinnern. Die Fotos lassen architektonische Elemente wie kleine Gegenstände oder manchmal auch wie Textilien erscheinen, Textiles wirkt umgekehrt wie gebaute Architektur.
Oder Architektur und Textilie werden miteinander verknüpft, wie in einer Reihe weitere Bilder der Serie „Einblick – Ausblick“. Es handelt sich um Fotografien von Innenräumen und Gebäudefassaden, die Alke Reeh teilweise in Deutschland, teilweise in Indien gemacht hat. Alle sind von gestickten weißen Fäden überzogen, die teilweise unten über den Rand des Bildes hinaushängen. Die gestickten Muster erscheinen in der Größe, die wir üblicherweise bei Tischdecken, Gardinen oder Kleidungsstücken finden. Im Verhältnis zu den fotografierten Zimmern und Gebäuden, die gegenüber ihrer realen Größe natürlich stark verkleinert erscheinen, wirken die Spitzenornamente, vor allem vor den Fassaden, wie dicke Seile oder Taue. Sie wecken auch Assoziationen an fester Gebautes
, etwa an Bestandteile eines Eisengitters, durch das man auf das Motiv blickt.
Ein subtiles Spiel mit den Assoziationen und Erwartungen, die sich durch Formen und Materialien ergeben, findet dann auch und vor allem in den skulpturalen Werken Alke Reehs statt. So finden sich zahlreiche „Röcke und Schnittmuster“, die nicht aus textilem Material bestehen, höchstens manchmal von Stoff überzogen sind. Die weißen, runden Hohlkörper bestehen aus Gips und erinnern unwillkürlich nicht nur an Kleidungsstücke, sondern auch an Kuppeln. Die formale Analogie von Kleidung und Architektur verweist darauf, dass es sich um verschiedene Formen von „Behausungen“ oder „Häuten“ handelt, die in mehr oder weniger unmittelbarem Bezug zum menschlichen Körper stehen. Dies betrifft nicht nur die Analogie zur Körperform, sondern auch die Position des Körpers bei der Wahrnehmung. Denn Kuppeln und Röcke verbindet, dass man von unten in sie hineinschaut beziehungsweise hineinschauen kann, was allerdings von sehr unterschiedlichen Assoziationszusammenhänge begleitet ist: von erhabenen und religiösen Gefühle auf der einen und eher gegenteiligen auf der anderen Seite. Hier verschieben sich nicht nur Größen-, sondern auch soziale Maßstäbe.
Die „Röcke“ können natürlich nicht getragen werden, weil ihre Gipsformen ebenso starr sind wie die Mauern eines Gebäudes. Aus weichen, textilen Stoffen hergestellt ist hingegen die Reihe genähter Decken, die nach dem Vorbild von Stalaktitengewölben entstanden. Ausgebreitet ergeben die Decken, die Alke Reeh in verschiedenen Farben und Größen realisiert hat, rosettenartige Rundformen, wobei auch die regelmäßige, durch den Verlauf der Nähte gebildete, kaleidoskopartig gemusterte Binnenstruktur an Rosettenfenster in Kirchen erinnert. Die Decken können aber, wenn sie nicht an der Wand aufgespannt sind, auch unregelmäßig und sackartig in sich zusammenfallen. Hier entsteht auch die Assoziation an eine bestimmte Form der Behausung, nämlich an ein Zelt, das man auf Reisen zusammengefaltet mit sich führt und dann temporär aufstellt.
Die formalen Analogien, die Alke Reeh in ihrer Kunst immer wieder dadurch herstellt, dass sie Elemente aus ihrem Kontext und gewohnten Maßstab herauslöst, sind also nicht beliebig. Ähnlichkeiten bestehen nicht nur äußerlich, sondern verweisen auch immer wieder auf Zusammenhänge der Funktion. Daraus, dass die Künstlerin ihre Motiven in unterschiedlichen kulturellen Kontexten findet, entsteht jedoch kein suggestives Universum vermeintlicher allgemeingültiger Ur- oder Grundformen. Vielmehr handelt es sich um einen bescheidenen künstlerischen Vorschlag, die Welt wie von einem musikalischen Rhythmus durchzogen wahrzunehmen, die Formen wie Klänge einander korrespondieren zu lassen. Diese Sehweise ist sicher von den Möglichkeiten der Fotografie geprägt, wird von Alke Reeh jedoch mit unterschiedlichen Materialien gleichsam skulptural und räumlich aufgefächert, so dass nicht nur das Auge, sondern der ganze Körper des Betrachters in einen visuellen Rhythmus hineingezogen wird.

Ludwig Seyfarth


Dirk Baecker, Die Dekonstruktion der Schachtel, Innen und Außen in der Architektur, in: Niklas Luhmann, Frederick D. Bunsen, Dirk Baecker, Unbeobachtbare Welt. Über Kunst und Architektur, Bielefeld 1990, S. 67-104, hier S. 83.

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