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déjà vu, Wege einer Form

 

Will man das Werk Alke Reehs einer der Schubläden zuordnen, die die Kunstgeschichte auch für die zeitgenössische Kunst immer gern bereithält, so wird man am ehesten von Konzeptkunst sprechen können. Immer wieder betont die Künstlerin ihre analytische und reflexive Herangehensweise. Dennoch ist ihre Arbeit keineswegs verkopft, sondern hat eine überaus sinnliche Seite. Diese verdankt sich nicht zuletzt einer intensiven Auseinandersetzung mit dem verwendeten Material.
Vor ihrem Studium an der renommierten Düsseldorfer Kunstakademie studierte Alke Reeh zunächst Metallgestaltung an der Fachhochschule Hildesheim. Noch heute schafft sie Entwürfe für hochwertige, exemplarisch auch in der Ausstellung gezeigte Einzelstücke aus den Bereichen Schmuck und Design. In ihrer freien künstlerischen Arbeit verwendet sie inzwischen neben dem Metall auch eine große Bandbreite anderer Materialien wie Stoff, Gips, Keramik, Holz oder Glas, die sie alle mit gleicher Souveränität und Sensibilität bearbeitet.
Statt von der üblichen Materialgerechtigkeit aber spricht sie lieber von einer „Ideengerechtigkeit des Materials“. Die Idee sucht sich das ihr geeignet erscheinende Material und nicht umgekehrt, so die Künstlerin. Dies aber verweist wieder auf den konzeptionellen Charakter ihrer Kunst. In ihrem Zentrum steht die Auseinandersetzung mit elementaren Grundformen und den mit ihnen verbundenen Assoziationen. Dabei spürt sie verwandte Formen in unterschiedlichen Kontexten auf und setzt sie einem ungewöhnlichen Reigen aus. Mit feinem Gespür und einer Prise Ironie werden sie ihren gewohnten Zusammenhängen entzogen, in andere Materialien übersetzt oder tauschen einfach, wie bei dem bekannten Kinderspiel „Reise nach Jerusalem“ ihre angestammten Plätze.
Hier überbrückt Alke Reeh mit einer bemerkenswerten Leichtigkeit und erstaunlichen Sensibilität für verborgene formale Verwandtschaften selbst die größten inhaltlichen Distanzen. Ein gedrehtes Gefäß mit feiner Profilierung erscheint unversehens als Rock einer grazilen Frauengestalt, die innere Wandung einer schlichten Tasse als Gewölbe einer imposanten romanischen Kuppel. Dieser Kunstgriff führt beim Betrachter zu einer Art „Déjà-vu“-Effekt, der das Gefühl des Wiedererkennens von Vertrautem („déjà vu“ = frz. „schon gesehen“) ebenso beinhaltet wie die Irritation eingefahrener Sehgewohnheiten. Im Ergebnis steht eine wohltuende Erneuerung und Schärfung des Blicks.
Diese Erneuerung des Blicks erscheint dabei wie eine zeitgenössische Illustration dessen, was Pablo Picasso im vergangenen Jahrhundert in seinem berühmt gewordenen Ausspruch über die Kunst gesagt hat: „Die Kunst wäscht den Staub des Alltags von der Seele“. Die Irritation, welche die Künstlerin durch ihre Arbeiten beim Betrachter auslöst, ist keine destruktive, sondern eine heilsame: festgefahrene Sehgewohnheiten werden ein Stück weit abgeschüttelt und die Blicke auf die uns umgebenden Dinge wieder frei.
Insgesamt 35 Arbeiten der Künstlerin aus den letzten zehn Jahren ihres Schaffens sind in acht Räumen des Mittelbaus im Bergpalais zu sehen. Die Räume des linken Seitenflügels werden von großen Stoffarbeiten bestimmt. In ihnen spiegelt sich unverkennbar die Form und Struktur von Gewölben mit deren innerer, von statischen und ästhetischen Gesetzmäßigkeiten bestimmter Ordnung. Ihr Reflex erfährt dabei eine mehrfache Brechung im textilen Material sowie in der Methode der Faltung als neuem Ordnungsprinzip. Dies wird jedoch nicht kaschiert, sondern bewusst zur Anschauung gebracht. Auch der doppeldeutige Titel „Decke genäht“ weist darauf hin. So verbindet sich mit ihm nicht nur deren stofflicher Charakter, sondern auch deren inhaltlicher Bezug zum Gewölbe als geformter Decke eines Raumes.
Eine zweite Gruppe von Arbeiten steht unter dem Titel „von Kuppeln und Tassen“. Hier wagt die Künstlerin in raffinierten Fotomontagen einen geradezu atemberaubenden Tausch, indem sie verschiedene Kuppeln berühmter Bauten des abendländischen und islamischen Kulturkreises in den Boden einfacher Tassen montiert und umgekehrt. Doch steht dabei nicht der Tabubruch oder die Verletzung religiöser Gefühle im Vordergrund, sondern der unvoreingenommene Blick auf die beiden Formen und deren verblüffende Verwandtschaft. Diese Verwandtschaft zeigt Alke Reeh auf nicht minder originelle Weise durch das Umhäkeln von Tassen, mit der Letztere nicht nur ihrer üblichen Funktion beraubt, sondern gleich einem Kleid mit einer Struktur versehen werden, die abermals an Gewölbe erinnert.
Die Form und das Sinnbild des Kleides stehen wiederum im Mittelpunkt der Arbeiten in den Räumen des rechten Seitenflügels. Hier wendet sich der Fokus der Künstlerin auf die Verwandtschaft zwischen Kuppel- und Rockformen. Ihre faszinierenden, wie Ballerinen scheinbar um sich selbst und umeinander kreisenden Gipsobjekte nennt Alke Reeh schlicht „Röcke“. Entsprechende Assoziationen löst sie in den korrespondierenden Fotomontagen mit dem Titel „Schnittmuster“ ein. Dabei montiert sie Aufnahmen ihrer „Röcke“ auf die Körper von Frauen in Abbildungen des bekannten Anatomielehrbuchs „Der nackte Mensch“ von Gottfried Bammes, dem ehemaligen Lehrer an der Hochschule für Bildende Künste Dresden. Zugleich relativiert und konterkariert sie die hier geweckten Assoziationen jedoch durch die nicht selten skurrile Zuordnung der individuellen Körper- und Rockformen sowie die bewusste Offenlegung des nichttextilen Materials ihrer Röcke.
Eine Novität im Schaffen der Künstlerin stellt schließlich das große, im Hauptsaal des Bergpalais gezeigte Objekt aus teils spiegelnden Flächen dar. Es wurde eigens für die Ausstellung und die besonderen Bedingungen dieses Raumes geschaffen. Die ihm zugrunde liegende Form eines Gewölbes erscheint dabei „ausgefaltet“, als Abwicklung zahlreicher, miteinander verbundener Fünfecke. Durch die verspiegelten Flächen entzieht es sich bis zu einem gewissen Grad unseren Blicken und wird zugleich zu einer Reflexionsebene im doppelten Sinn: zum einen klaubt es sich die aufwendige chinoise Dekoration des Raumes und macht sie sich zu Eigen. Zum anderen schafft es durch seine vielfachen Brüche neue gedankliche Zugänge zu ihr. In den bewusst offen gelassenen Flächen zeigt es zudem seine eigene Materialität.
Wie für einige Ausstellungen zuvor hat Alke Reeh auch für die Ausstellung in unserem Museum eine eigene Kunstedition entwickelt, in der sie die reizvolle Wechselwirkung jenes Objektes mit seiner konkreten Umgebung thematisiert und so dem Besucher ein Souvenir der besonderen Art vorlegt. Dabei handelt es sich um eine handgefertigte Nachbildung des Objektes, die auch als Schmuck getragen werden kann. Für die Dauer der Ausstellung kann sie im Schloss Pillnitz erworben oder direkt bei der Künstlerin bestellt werden.

 

Dr. Stephan Dahme

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Ausstellungsansichten Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Kunstgewerbemuseum, Schloss Pillnitz